In der Schweiz bleiben Paare im Durchschnitt 15 Jahre verheiratet. Fast jede zweite Ehe endet in einer Scheidung. Der meist genannte Grund für eine Trennung ist „Entfremdung“. Wie aber enfremdet man sich in einer Beziehung? Und was kann man dagegen tun?

Klassischerweise spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle, gleich bleibt sich jedoch fast immer der Verlauf:

  • Grundauslöser für eine Trennung ist gemäss Bodenmann (2002) fast immer Alltagsstress. Das mag profan klingen, ist es aber nicht. Die Alltagsbelastungen in Beziehungen führen dazu, dass Paare weniger gemeinsame Zeit zusammen verbringen und somit auch weniger schöne Erlebnisse zusammen erfahren.
  • Dies wiederum führt zu einer Verschlechterung der Kommunikation. Man bespricht oft nur noch sachliche Themen (wer bringt die Kinder in die Krippe, wer organisiert die nächsten Ferien) und lässt den Partner oder die Partnerin nicht mehr – oder weniger – daran teilhaben, wie es einem wirklich geht. Es findet weniger emotionale Kommunikation und Austausch zwischen dem Paar statt.
  • Stress erhöht zudem das Risiko somatische oder psychische Probleme zu entwickeln (Rückenschmerzen, depressive Phasen etc.), was eine zusätzliche Belastung für die Beziehung darstellt.
  • Und als letzter Faktor kommt dazu, dass wir unter Stress weniger freundlich, souverän und grosszügig reagieren. Wir zeigen mehr unserer problematischen Persönlichkeitsanteile, welche wir unter normalen Umständen gut unter Kontrolle haben (Rigidität, Gereiztheit, weniger Empathie, Zynismus, Geiz etc.).  All diese Faktoren führen dazu, dass sich Partner entfremden und sich fragen, was aus dem Gegenüber geworden ist, das man doch einmal geliebt hat und mit dem man zu Beginn der Beziehung so glücklich war.

Auf diese Weise kommt es zu einer schleichenden Unzufriedenheit in der Paarbeziehung (man möchte es doch schön haben miteinander; vom Partern gehört, verstanden und geliebt werden), die oft lange nicht bemerkt wird. Dies wiederum führt dazu, dass man sich anderen Dingen zuwendet (Karriere, Hobbys), noch weniger gemeinsame Zeit verbringt und damit die Unterhöhlung der Partnerschaft zusätzlich begünstigt. Kommt in diesem Stadium der Paarbeziehung ein Auslöser von aussen, wie z.B. eine Aussenbeziehung dazu, trennen sich fast 50% der betroffenen Paare.

Was also tun? Eines vorweg: Wenn man nichts für die Beziehung tut, dann nimmt die Zufriedenheit in der Paarbeziehung kontinuierlich ab. Dies haben unter anderem Gottman et al. (1999) und Bodenmann (1995) in verschiedenen Längsschnittssudien untersucht. Die Liebe eines Paares muss also konstant genährt und gepflegt werden damit die Paarbeziehung auch langfristig erfüllend und schön bleibt. Dazu braucht es drei Dinge: Zeit, Wissen und Kompetenzen.

  1. Miteinander Zeit verbringen: Überlegen Sie sich, was Sie gerne gemeinsam tun als Paar oder früher getan haben, als Sie vielleicht noch keine Kinder hatten. Schaffen Sie sich bewusst Auszeiten, in denen Sie mit ihrer Partnerin etwas Schönes tun. Versuchen Sie, sich dann wirklich aufeinander einzulassen, indem Sie Alltagsthemen wie Stress im Beruf, Sorgen mit den Kindern etc. hinter sich lassen. Sorgen Sie für Intimität, sowohl auf emotionaler Ebene, in dem Sie sich selbst öffnen und Ihrem Partner anvertrauen was Sie bewegt und wie es Ihnen geht, als auch auf körperlicher Ebene. Falls die Sexualität ein schwieriges Thema ist, verbringen Sie gemeinsame körperliche Zeit, in dem Sie sich  z.B. im Alltag liebevoll berühren, sich wieder einmal ausgiebig küssen, oder ganz ohne Druck nackt nebeneinander legen und sich nur streicheln.
  2. Wissen über das Funktionieren von Beziehungen: Um zu verstehen, was in einer Beziehung passiert und welche Phasen sie durchlaufen, ist es sinnvoll, sich diesbezügliches Grundwissen anzueignen. Interessanterweise sind viele Menschen der Ansicht, dass eine Beziehung einfach funktioniert, wenn man den oder die „richtige“ Partner/in gefunden hat. Das ist natürlich Humbug. Für fast alles andere in unserem Leben besuchen wir Kurse und lassen uns ausbilden, bloss bei Beziehungen haben wir die romantische Vorstellung, dass diese ganz magisch von selbst funktionieren.
  3. Kompetenzen erlernen: Um eine gute Paarbeziehung zu führen muss man wissen, wie man gut mit seinem Partner kommunizieren kann, wie man Konflikte mit seiner Partnerin austrägt, ohne dass dabei zu viel Geschirr zerschlagen wird und wie man als Paar Probleme effektiv löst. Und man muss sich selbst gut genug kennen, damit man weiss, wie man z.B. unter Druck und Stress reagiert. Das sind alles Kompetenzen, die man erlernen kann und welche die wenigsten Menschen einfach so beherrschen.

Zusammenfassung: Die Zufriedenheit in Paarbeziehungen nimmt kontinuierlich ab, wenn man kein Gegensteuer gibt. Hauptsächlich dafür verantwortlich ist Alltagsstress, der die Beziehung langsam „erodiert“. Alltagsstress führt dazu, dass Partner weniger Zeit miteinander verbringen und weniger schöne Erlebnisse miteinander teilen. Ihre Kommunikation wird sachlicher und beschränkt sich auf funktionale Aspekte. Dies führt zu mehr Distanz zwischen den Partnern, was häufig mit somatischen oder auch psychischen Beschwerden einher geht. Unter Stress kommen zudem unsere weniger schmeichelhaften Charakterzüge zum Vorschein, welche zu einer zusätzlichen Entfremdung und dem Gefühl führen können, man hätte sich im Gegenüber getäuscht, die falsche Person geheiratet, etc. Die dabei entstehende Unzufriedenheit – nicht selten gepaart mit einem externen Auslöser – führt dazu, dass sich Paare oder einer der Partner in diesem Stadium der Beziehung mit der Frage nach einer Trennung auseinander setzen. Damit es gar nicht erst soweit kommt, gilt es drei Punkte zu beachten:

  • Je mehr gemeinsame Zeit ein Paar verbringen kann, desto mehr Möglichkeiten entstehen, gemeinsam Schönes zu erleben.
  • Je mehr Menschen über das Funktionieren von Beziehungen wissen, desto besser sind sie in der Lage, dieses Wissen anzuwenden.
  • Je mehr das Wissen angewendet wird, desto kompetenter werden Partner darin zu kommunizieren, gemeinsame Konflikte zu lösen und Probleme anzugehen. Dies erhöht die Zufriedenheit in der Partnerschaft, schafft Nähe und hält die Liebesgefühle langfristig am Leben.

 

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